Ringstechen 2018

2018-05-21 22:03 von Angela Boehlke

Mein Name ist Crazy. Ich bin ein Hannoveraner Wallach und wohne schon lange im Reitverein Südkehdingen. Meine Besitzerinnen sind begeisterte und talentierte Ringstecher, Jelena war 2012 Königin, Joanna letztes Jahr und davor war sie bereits einmal Jugendkönigin. Deswegen gibt es wohl kaum ein Pferd, das soviel Erfahrung mit Ringstechen hat und deswegen wurde ich gebeten, dieses Jahr darüber zu berichten.

Ganz ehrlich, den Riesenaufwand, den die Menschen darum betreiben, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Das fängt bereits zwei Tage vorher an: Am 18.5. haben sich viele Vereinsmitglieder bei Finja Steffens getroffen. Das weiß ich, weil sie vorher unser Stroh mitgenommen haben, um daraus einen Kranz zu binden, den sie mit Blumen schmücken und an ihre Türen hängen. Den für Joanna habe ich am Sonntag gesehen. Bitteschön, wozu braucht man Stroh an der Tür? Vor der Tür, um den Dreck vor dem Haus abzufangen, das könnte ich ja vielleicht noch verstehen. Jedenfalls haben Finjas Eltern schon am Freitag abend die Gäste mit Bratwurst vom Grill, Kartoffelsalat und Pizzabrötchen empfangen und da hatten alle schon Spaß.

Am Samstag haben sie dann in der Reithalle aufgeräumt und geputzt, damit am Sonntag alles schön aussieht. Joanna hat mir berichtet, dass sie zuhause beim Salate machen helfen musste und einige andere Pferdebesitzer haben wohl Kuchen gebacken. Am Sonntag morgen waren dann wir Pferde dran. Zum Glück bin ich ein Fuchs und kein Schimmel, sonst wäre ich womöglich gebadet worden. Wenn dann jedes Staubkorn vom Fell ist, die Mähne und der Schweif eingeflochten, haben wir keinen Schutz mehr vor Fliegen. Aber dafür haben die Menschen so ein Spray. Kennen Sie ein Pferd, das gerne eingesprüht wird? Ich nicht. Trotzdem muss ich zugeben, dass es ein schönes Bild gibt, wenn wir Pferde so gestylt wurden und die Reiter in schwarzweiß mit blank geputzten Stiefeln aufsteigen.

Dann ist es üblich, dass die Königinnen zuhause abgeholt werden. Das bedeutet, meine Kumpels werden zum Zuhause meiner Besitzer geritten. Meistens ahnen sie dann schon, dass heute irgendwie alles anders ist und sind entsprechend aufgeregt. Ich dagegen durfte nicht mitkommen, ich sollte ja abgeholt werden und musste daher zusammen mit Otis mit dem Hänger nach Krautsand fahren. Dann sollen wir Pferde alle mit reiter auf dem Rücken herumstehen, während die Menschen Bilder machen und die ersten Schnäpse trinken. An viele Dinge habe ich mich im Laufe meiner Ringstecherfahrung gewöhnt, aber dieses Herumstehen geht mir immer noch auf den Keks.

Auf dem Rückweg zum Stall habe ich mich dieses Jahr heimlich amüsiert. Viele meiner Pferdekollegen haben sich wahnsinnig aufgeregt: Hinterm Auto herlaufen, während andere Autos, Motorräder und Fahrräder von vorne und hinten kommen, Fotos klicken… Und alles soll man, bloß nicht weglaufen. Ich bin ganz cool geblieben, vielleicht nennen sie mich ja noch um, von Crazy in Cool. Ich weiß ja inzwischen, am Ende kommen wir an der Reithalle an und es gibt Mittagessen. Für die Menschen im Schulungsraum, für uns Pferde je nach Laune der Besitzer auf der Weide oder in der Box.

So, und dann beginnen die Wettkämpfe. Erst sind die Reiter dran, die noch unter 18 Jahren sind, dann alle, die 18 oder älter sind. Das sieht dann so aus: Wir Pferde stehen die meiste Zeit herum. Immer, wenn unser Reiter an der Reihe ist, dürfen wir eine lange Seite galoppieren. Unser Reiter versucht derweil mit einer kleinen Lanze einen Metallring aus einer Aufhängevorrichtung zu stechen. Das macht unangenehmen Krach. Und wenn sie getroffen haben, machen sie noch mehr Krach und klingeln mit einer Glocke und klatschen in die Hände. Je nach Naturell reagieren meine Kollegen unterschiedlich. Einige wenige ergeben sich einfach ihrem Schicksal und machen das so mit. Einige langweilen sich zu Tode und wollen irgendwann nicht mehr die immer gleichen Meter galoppieren. Die meisten, und so geht es auch mir, freuen sich, wenn sie galoppieren dürfen, denn dann haben sie die Hoffnung, irgendwie weglaufen zu können. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich mich inzwischen an all das gewöhnt habe und ich kann fühlen, wie sehr sich Joanna und Jelena freuen, wenn sie getroffen haben und dann kann ich nicht anders, dann freue ich mich mit ihnen.

Dieses Jahr hat bei den Jugendlichen wieder Casi mitgemacht. Seine Reiterin Kira ist noch jung und deswegen läuft ihre Mutter mit und sie dürfen alles im Trab machen. Ehrlich, Casi wäre lieber auch galoppiert. Immerhin hat er am Ende eine goldene Schleife bekommen. Die meisten Ringe bei den Jugendlichen hat Finja Steffens gestochen, in den ersten fünf Durchgängen drei, im Stechen dann noch einen. Und das, obwohl sie nicht mit ihrem Otis gestartet ist, dem Norweger, der mit mir im Hänger unterwegs war und mit dem Finja letztes Jahr Königin geworden ist. Aber Otis hat sich vertreten und soll noch nicht soviel laufen. Für Otis ist Warengo eingesprungen. Warengo gehört dem Reitverein und er hat wahrscheinlich fast soviel Erfahrung im Ringstechen wie ich. Nun zweite war dann Marietherese, ebenfalls drei Ringe, aber im Stechen dann keinen mehr. Sie ist dann Königin geworden, da Finja noch „gesperrt“ ist. Auch so etwas, was ich als Pferd nicht wirklich verstehe, aber wer einmal König darf, darf das frühestens fünf Jahre später erneut werden. Um den dritten Platz haben Melina Mahler auf Flaksha und Lisa Stelling auf Lissi gekämpft. Die hatten beide zunächst zwei Ringe, im Stechen hat sich Melina dann durchgesetzt. Mit dabei waren auch noch Annkathrin von Prodzinski auf Sahara und Elina Schmidt auf Rossini.

Bei den erwachsenen Ringstechern durfte ich abwechselnd Joanna und Jelena tragen. Hier ist mir so richtig aufgefallen, wie die Zeit vergeht. Die Hälfte der Teilnehmer kannte ich ja schon, als sie noch bei den Jugendlichen gestartet sind! Nun, die Erwachsenen waren schon ziemlich gut: Vier Paare, Celina Pohndorf und Maja, Finja Abbenseth und Warengo, Daniela Lauks und Rossini sowie Joanna und ich, hatten vier Ringe in den ersten fünf Durchgängen. Joanna hat auf das Stechen verzichtet, wie bereits erklärt, hätte sie eh nicht Königin werden können. So durfte ich zusammen mit Rhibanna, die Alina Schröder getragen hat, Csabi, der mit Angela Boehlke unterwegs war, und Nero, der von Kristina Eylmann geritten wurde, beim Stechen zugucken. Im ersten Durchgang des Stechens hat nur Finja getroffen, die damit 2 Wochen nach ihrer Rückkehr aus Australien Königin geworden ist. Daniela und Celina haben sich dann einen zähen Kampf geliefert. Jede hat dreimal hintereinander getroffen, im dritten Durchgang sogar mit der linken Hand. Dann haben sie versucht, mit beiden Händen zu stechen, was Celina zumindest mehr oder weniger gelungen ist, Daniela nicht. Daher ist Celina mit Maja zweite gewesen. Die Ehrenrunde wollte Joanna lieber nicht mitmachen, das hat sie lieber Jelena überlassen. Ich kann gar nicht verstehen, warum jemand keine Lust auf Galopp mit Freudensprüngen hat. Ich und meine Kumpels hatten an der Ehrenrunde mit Musik definitiv die meiste Freude.

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